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Das Paradies
An was denken wir oder was sehen wir, wenn wir vom Paradies sprechen? Südseestrände mit kristallklarem Wasser und Kokospalmen, wilde unberührte Natur im tiefen Regenwald, in den mit wilden Tieren belebten Steppen Afrikas oder den tropischen Korallenriffen. Das Wort Paradies fällt im Zusammenhang mit solchen Bildern immer wieder und spontan. Unberührt von Menschenhand, sich selbst und der Schöpfung überlassen.
Was ist daran paradiesisch? Gewiss würde kaum jemand auf den Begriff ‘paradiesisch’ kommen, wenn es um überfüllte Innenstädte geht, um Autobahnen oder Flughäfen.
Vielleicht ist es nur die Schönheit der Bilder. Vielleicht ist es aber auch mehr. Die Sehnsucht nach Vollkommenheit, nach Einklang und Harmonie, Sorglosigkeit, Frieden und Glück. Das Bild eines Südseestrandes weckt in uns die unbewusste Erinnerung an das verlorene Paradies, in dem der Mensch eins war mit der Schöpfung, eins mit der Natur. In dem er nicht versuchte, alles zu kontrollieren, an sich zu reissen und zu verändern. An einem einsamen Südseestrand oder im tiefen Regenwald geht es um das Empfinden der Gegenwart, das Gewahrwerden der ewigen Schöpfung, um das schlichte Sein. Nur dort sein, nichts wollen, nichts denken.
Im Paradies aus der Bibel (Genesis, erstes Buch Mose, Kapitel 2) war der Mensch Teil der Schöpfung, lebte mit den Bäumen, den Gräsern und den Tieren in Harmonie und ohne Sorge. Der Garten Eden gab dem Menschen die Lebensgrundlage, und der Mensch lebte unbekümmert und schämte sich nicht seiner Nacktheit.
Doch dann aß der Mensch vom verbotenen Baum der Erkenntnis und Gott strafte ihn und wies ihn aus dem Garten Eden, damit er in Zukunft unter Leid und Schmerzen leben solle (Kapitel 3). Und er musste sich kleiden, weil er sich seiner Nacktheit schämte.
Um die Geschichte des Paradieses heute noch verstehen zu können, will ich sie folgendermaßen interpretieren:
Etwas (‘die Schlange‘) verführte den Menschen dazu, gegen die göttliche Ordnung zu verstoßen und vom Baum der Erkenntnis zu essen. Sagen wir, es war die Neugier. Diese Eigenschaft enthält das Wort ‘Gier‘. Sie verführt den Menschen, Dinge zu tun, die eindeutig negative Konsequenzen haben. Im Paradies führte diese Neu-Gier dazu, dass der Mensch die Einheit mit der Natur des Paradieses verlor (was auch dadurch zum Ausdruck kommt, dass er sich plötzlich seiner Nacktheit schämte; sogar vor Gott). Er begann zu werten und unterschied Gut und Böse (mit all seinen Folgen !). Leid und Schmerz waren bis dahin unbekannt, aber fortan war dies die Strafe Gottes. Die Strafe dafür, sich der göttlichen Ordnung zu widersetzen. Man kann den “Sündenfall” so verstehen, dass die Frucht vom Baum der Erkenntnis die Entwicklung eines egoistischen Bewusstseins darstellt. Dieses trennt den Menschen vom universellen Bewusstsein, das er vorher mit den Tieren, Pflanzen und der unbelebten Materie teilte. Das egoistische Bewusstsein fokussiert den Menschen auf sich selber und lässt ihn selbstsüchtig und gierig sein.
Seit dem Tag der Vertreibung aus dem Garten Eden ist der Mensch auf der Suche nach dem Paradies und nach dem verlorenen Glück. Leid und Schmerz haben unbeschreibliches Ausmaß angenommen. Gleichsam parallel sind Neugier und Gier gewachsen, und der Mensch entfernte sich immer weiter vom Paradies. Seine unbeschreibliche Überheblichkeit gegenüber der Natur und sein Glaube an die Macht der Intelligenz und der menschlichen Überlegenheit führen ihn auf der Suche nach Glück immer weiter von ihm fort.
Der Anblick einer paradiesischen Landschaft vermittelt deshalb soviel Glück und Sehnsucht, weil wir unbewusst erkennen, was wir verloren haben.
Es ist noch nicht zu spät ! Kehren wir um. Mit Buddha und Jesus sollten wir erkennen, dass Leid und Schmerz nur überwunden werden können, und wir das Glück nur (wieder-)finden, wenn wir die Gier (das Haben-Wollen) überwinden und zum natürlichen Menschsein (zum Sein) zurückfinden.
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